Tritt fassen im Tohuwabohu

Zwei furiose Erz?hlungsb?nde des Ukrainers Serhij Zhadan ?ber die T?cken der Transformationszeit

Ilma Rakusa ? Auf jedes neue Buch von Serhij Zhadan darf man gespannt sein, denn diese k?hnste Stimme der jungen ukrainischen Literaturszene weiss so lebensprall, verr?ckt und poetisch zu erz?hlen, dass man sich ihrem Sog nur schwer entziehen kann. Mit seinen f?nfunddreissig Jahren hat Zhadan schon zahlreiche Gedicht-, Erz?hlb?nde und Romane ver?ffentlicht (u. a. «Depeche Mode» und «Anarchy in the UKR»); bei Suhrkamp ist nun – in der fulminanten ?bersetzung von Juri Durkot und Sabine St?hr – sein Geschichtenband «Hymne der demokratischen Jugend» erschienen.

Einmal mehr ist der Schauplatz Charkiw, Zhadans Heimatstadt im wilden Osten der Ukraine; einmal mehr spielen die Geschichten im zwielichtigen Milieu von mafiosen Gesch?ftemachern, von Dealern, Prostituierten, Kriegsheimkehrern, Alkoholikern, die im Tohuwabohu der Transformationszeit Tritt zu fassen versuchen, meist aber sch?ndlich untergehen. Die Geschichten – oft verschachtelt und von verschiedenen Erz?hlern wiedergegeben – sind so halsbrecherisch und komisch, so wahnwitzig, traurig und temporeich, dass einem beim Lesen schwindlig wird. Doch das ist Methode, ebenso wie die satirische ?bertreibung und die poetische Melancholie, die bei Zhadan eine aparte Verbindung eingehen.

Wer sich als Verzweifelter in ein Business st?rzt, darf schon als Verlierer gelten. Goga, ein ehemaliger Tschetschenienk?mpfer, und San Sanytsch, ein Ringk?mpfer mit Abitur, beschliessen, gemeinsam einen Klub zu gr?nden. Im Sandwichladen namens «Butterbrot-Bar» er?ffnen sie den ersten Schwulenklub der Stadt. Doch das Gesch?ft l?uft schlecht, Feste arten in Schl?gereien aus, Liebesaff?ren geraten zur Katastrophe. Am Ende ist Goga allein und macht aus dem Schwulenklub eine Spielhalle. Nach dem Motto: «Wodka und Tussen gen?gen» oder «Ich werde gleich den Rigips verscheuern und ab nach Zypern.»

Moral ist nicht nur kein Zauberwort, sondern inexistent. Aus «angeborenem slawischem Leichtsinn und genauso angeborenen kriminellen Neigungen» gr?nden die Oschwanz-Br?der mit Hilfe eines Popen ein «B?ro ritueller Dienstleistungen», sprich die Bestattungsfirma «House of Dead», die sich mit dubiosen Power-Point-Pr?sentationen blamiert. Daneben betreiben sie Drogengesch?fte. Die kostbare Fracht usbekischer Drogen lagert in vierzig Waggons in Mariupol. Ausgerechnet der junge, unf?hige Iwan wird zur Abnahme der Fracht nach Mariupol abkommandiert. Die n?chtliche Zugfahrt erlebt er, alkoholisiert, wie ein phantastisches olfaktorisches Lebensr?sum? – Wenedikt Jerofejews rauschhaftes Prosapoem «Moskau– Petuschki» l?sst gr?ssen –, und am Bestimmungsort angekommen, k?mmert er sich naturgem?ss nicht um die Erf?llung des Auftrags, sondern verbringt die Tage in seliger Umarmung mit der ?lteren Eva, auf dem G?terbahnhof. Die Rache folgt auf dem Fuss, doch trifft sie nicht den d?mmlichen Helden, sondern die Frau, die als «Hurensau» von den Oschwanz-Br?dern «kaputtgetreten» wird.
Wie bitterb?se M?rchen

Manchmal lesen sich Zhadans Geschichten wie bitterb?se M?rchen, obwohl sie mit handfester Realit?t ges?ttigt sind. Erschreckend, was sie ?ber den Schmuggel von inneren Organen und Prostituierten, von gef?lschten Schengen-Visa und gestohlenen Autos erz?hlen. Das Cin?ma V?rit? ist an Niedertr?chtigkeit nicht zu ?berbieten, wobei Sprachk?nstler Zhadan die schlechte Wirklichkeit so demontiert, dass immer wieder Splitter von Hoffnung, Komik und Poesie aufscheinen und riesige Problemkomplexe zum lakonischen Paradox zusammenschnurren. Eines lautet so: «Die ganzen Strassenkriminellen [. . .] haben grosse Lebenserfahrung, weil sie ein Geheimnis kennen, und dieses Geheimnis besteht darin, dass sie auf das Leben verzichten k?nnen, das Leben aber nicht auf sie.»

Ein schneidender Satz, wie es so viele bei Zhadan gibt. Auch im Band «Die Selbstmordrate bei Clowns», der pr?gnante k?rzere Erz?hlungen sowie Glossen vereinigt und durch Schwarzweissfotos von Jacek Dziaczkowski aus dem Hoffnungsjahr 2004 erg?nzt wird. Zu sehen sind Lemberger Passanten mit einem kleinen orangen Zeichen an ihrer Kleidung. Heute, nachdem die Aufbruchsstimmung verflogen ist, wirken die Bilder melancholisch entr?ckt. Und Melancholie durchzieht auch die Texte von Zhadan, ob sie von der ukrainischen Mittelschicht, von der «Liebe in Zeiten der Bankenkrise» oder von den «traurigen D?monen der Schlafst?dte» handeln.
Schonungslos direkt

Melancholie und bisweilen auch Zorn, denn in seinen Glossen gibt sich Zhadan polemisch, ganz down-to-earth und schonungslos direkt. Hier geht es um Einmischung, Aufr?ttelung, ja Provokation, in einer zupackenden, mit Slang durchsetzten Sprache (die Claudia Dathe stilsicher wiedergegeben hat). Angeprangert werden «schwarze Buchmacher» und Wettb?robesitzer, korrupte Medienvertreter und Firmeninhaber, die ukrainische B?rokratie und die Politikverdrossenheit der B?rger. («Politik interessiert die Leute nur so lange, wie der Werbeblock l?uft. Dann sehen sie die Wettervorhersage.») Dabei ersteht der Alltag mit all seinen Facetten und Verr?cktheiten, mit Hausfrauenelend, Winterfussball und Kellerkonzerten.

Wer sich ein Bild von der heutigen ukrainischen Gesellschaft und von den Transformationsprozessen der letzten zwanzig Jahre machen will, kommt hier auf seine Rechnung, zumal Zhadan sein Ohr auch Fremdstimmen leiht. Nachdenklich stimmt seine Schlussvignette ?ber die eigene Zunft. Literatur, so Zhadan, entstehe im Gespr?ch mit Toten oder wenn sich der Schriftsteller mit «einsturzgef?hrdeten Kaufh?usern, Klubs voller Geister, Fl?ssen voller Leichen, Metros voller Menschen, diesem ganzen Schrott » anfreunde. Im ?brigen sei die Literatur «wie alter Schnee: Sie kann die Zeit nicht aufhalten, aber etwas verlangsamen».

Джерело: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/tritt_fassen_im_tohuwabohu_1.3962370.html

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